Mitte November findet in Nürnberg einer von drei jährlichen Ausnahmezuständen neben Spielwarenmesse und Christkindlesmarkt statt. Die BrauBeviale oder einfacher gesprochen, die Brau. Laut offizieller Definition, die zwar weitaus weniger humorvoll als meine eigene Erfahrung, aber natürlich sehr viel businessmäßiger formuliert ist, handelt es sich um „DIE Investitionsgütermesse entlang der Prozesskette der Getränkewirtschaft“. Hier geht es um Lösungen und Trends für die Herstellung von Bier, Wasser, alkoholfreien Getränken, Wein und Sekt sowie flüssigen Molkereiprodukten.

Als ich heute Abend durch die Innenstadt laufe und am Hauptbahnhof in die U-Bahn steige, sind es FAST dieselben Schlagworte, die mir spontan durch den Kopf schießen. Entlang der Prozesskette der Getränkewirtschaft tummeln sich hier Messegäste aus aller Welt, sämtliche Hotels sind ausgebucht, alle Restaurants bis auf den letzten Tisch reserviert. Ich schnappe Gesprächsfetzen auf und muss ein herzhaftes Lachen unterdrücken. Schließlich sind das Geschäftsleute, die hier um mich herum sind. Beim Umsehen in den Sitzreihen schwappt das Lachen wieder nach oben…konzentrier Dich, Du kannst sie nicht auslachen.

Ach ja, ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich gerade auf dem Heimweg von meinem Pilateskurs bin. In Sportklamotten, zerstörter Frisur, ausgepowert und mit Yogamatte unter dem Arm. Auf das muntere Messevölkchen muss ich wie ein Alien wirken. Wie damals im Hotel in Dresden. Als Hotelgäste in Frack und Abendkleid aus der Semperoper kommend zu mir in den Aufzug gestiegen sind. Als ich im Minionsschlafanzug mit Cocktail in der Hand vom 3. in den 4. Stock fahren wollte und in der Hotellobby gelandet bin. Aber das ist eine andere Geschichte!

Warum verkauft man den armen Asiaten eigentlich nur schlecht sitzende Anzüge, die sie noch kleiner wirken lassen? Die armen Messebesucher aus Fernost huschen stocknüchtern und verstört wirkend zwischen dem restlichen nicht mal ansatzweise nüchternen Messevolk umher und wirken völlig deplatziert in dieser buntgemischten Oktoberfest-Szenerie. Da wollen sie sich nur ein bisschen aktuelle Zapfhahntechnologie abschauen und dann sowas. Eigentlich unterscheiden sich die Messebesucher der BrauBeviale nur durch ihre Kleidung von Oktoberfestbesuchern. Hier stehen, sitzen und laufen die Saufnasen einfach nur in Businesskleidung in der Gegend rum.

Wobei…Businesskleidung. Vielleicht nicht alle. Einige Businessburschen kann ich ziemlich sicher als bayerische Lebensmitteltechnologen ausmachen. Durch ihren Janker, manche sogar in Lederhose. Vermutlich Studenten aus Freising, die künftigen Master of Hopfen und Malz. Oder doch nur Studenten, die als Promoter und baiuvarisch verkleidete Flyerverteiler arbeiten, weil die ausländischen Gäste Bier mit Lederhose assoziieren.

„Bisnäs is Bsssssnssss, iu nou?“ sagt der Amerikaner so schön. Zumindest der neben mir. Den Rest kann ich leider absolut nicht verstehen, dafür fehlen mir wohl mindestens 1,5 Promille Übersetzungshilfe. Sein Kollege Jiiiiiim versteht ihn dafür umso besser und lacht zurück „yeah god damn right, so totally fucking right, yeahhhhhh“.

Ausgestiegen und endlich wieder Empfang, muss ich sofort die Webseite der Messe aufrufen und stolpere direkt über die Themen Raw Materials, Technologies, Logistics und Marketing. Very international…business…you know…yeahhhhh. Frei übersetzt heißt das so viel wie Hopfen, Zapfhahn, Bierlaster und Freibierfest. Also quasi das gesamte Spektrum an Bier-Business. Es gibt wie ich auf der Startseite entdecke, sogar eine kostenlose Messe-App.

Das Motto lautet „Gute Gespräche. Gute Geschäfte“. Jaaaaaa, genau. Gespräche! Und Geschäfte! Wer zum Himmel soll die App bitte nutzen…und wann…und wie? Enthält sie Informationen für Messebesucher und Aussteller? Moment, hier steht sie bietet einen dynamischen Hallenplan und einen integrierten Carfinder? Ich stelle mir vor, wie der dynamische Hallenplan sich permanent dreht. Gegengleich zur betrunkenen Optik des Nutzers. Gleicht die App doppeltes Sehen aus?

Noch besser finde ich den Carfinder. Steht Messegast Jupp von Jever damit vor der Messehalle und spricht in sein iPhone wie Michael Knight zu K.I.T.? Oder nutzt man die App erst am nächsten Tag, indem man informiert wird, wo man vor dem geschäftlichen Filmriss den Firmenwagen geparkt hat? Ich hätte da noch einige hilfreiche Ideen. Trinkspielanleitungen und lustige Fakten über die Gäste aus aller Welt wie z.B. die Tatsache, dass Asiaten quasi gar kein Bier vertragen. Oder das Smartphone als Promilletest.

Versuchen Sie 5 Mal die 5 zu treffen…hoppsa, das war 5 Mal daneben, Sie finden die nächste U-Bahn-Station direkt vor der Messe. Ihr Autoschlüssel? Sie wurden für diese Aktion gesperrt. Würde einen richtig harten Businesskerl auf der Brau vermutlich nicht wirklich beeindrucken und abschrecken. „Wissssss? U-Baaaahn? Kommnich infraaage, Kanufahren. Chab nur pama pobiad. Neuer Hopfffffm und so. Güntha, Du auch…oda?“

Da fällt mir die Unterhaltung einiger Hostessen in der U-Bahn wieder ein. Die Eine, nennen wir sie die Heisere, erzählte ihren Kolleginnen amüsiert, wie ihre Standchefs und das gesamte Messepersonal der Firma sich heute wieder einfach nur weggekippt haben und dass die Brau ja nur deswegen unter der Woche ist, damit das nicht komplett ausartet. Angesichts der heute gesichteten Auswahl an internationelen Business-Suffköpfen frage ich mich, wie ausarten am Wochenende dann wohl aussehen würde.

Ich muss feststellen, dass meine studentischen Messejobs als Blackjack-Dealer auf der Spielwarenmesse und als Hostess auf der Interzoo im Nachhinein betrachtet wohl ziemlich spießig und langweilig waren. Aber immerhin bin ich damals mit Spielkarten, Pokerchips und Katzenfutter nach Hause gegangen anstatt mit einem fetten Kater, heiserer Stimme und einer App auf dem Smartphone, die einem nur 3 Tage im Jahr etwas nutzt und dann auch nur sturzbesoffen.

 

Advertisements